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Bedeutung von klinischen Studien für Patienten mit multiplem Myelom

Prim. Univ.-Prof. Dr. Heinz Ludwig 




Was versteht man unter einer klinischen Studie?
Stufenkonzept von klinischen Studien
Sicherheitsmaßnahmen für Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen
Wie läuft eine klinische Studie für Patienten ab?
Welche Vor- bzw. Nachteile sind durch Teilnahme an einer klinischen Studie zu erwarten?
Zusammenfassung
Derzeit werden im Wilhelminenspital folgende klinische Studien angeboten:

Was versteht man unter einer klinischen Studie?

Unter einer klinischen Studie versteht man die wissenschaftliche Untersuchung der Wirksamkeit und Verträglichkeit eines Arzneimittels bzw. einer Wirkstoffkombination oder eines Behandlungskonzeptes anhand eines vorab exakt definierten Prüfplans, in dem die Zielsetzungen genau festgelegt sind. Dies ist notwendig, da die einfache Beobachtung von Behandlungsergebnissen an einzelnen Patienten ohne sorgfältige Kontrollgruppe zu falschen Schlussfolgerungen führen kann.

Tatsächlich wurden in der Zeit vor der Einführung wirksamer Behandlungsmaßnahmen Patienten mit multiplem Myelom mit Urethan in der Hoffnung auf einen klinischen Nutzen behandelt. Erst durch eine kontrollierte klinische Studie, in der Patienten nach dem Zufallsprinzip entweder mit Urethan oder mit einem Placebo (Scheinmedikament) behandelt wurden, konnte gezeigt werden, dass Urethan keinen wesentlichen Nutzen beim multiplen Myelom aufweist, weshalb die Therapie verlassen wurde.


Stufenkonzept von klinischen Studien

Klinische Studien werden je nach Entwicklungsfortschritt bestimmten "Phasen" zugeordnet.

Phase 
Untersuchte Personen 
Hauptziel 
20 bis 80 
Untersuchung der Verträglichkeit und Sicherheit des Medikamentes und Findung der optimalen Dosis. 
II 
50 bis 200 
Neben Beurteilung der Verträglichkeit und Nebenwirkungen wird auch die Wirksamkeit der Therapie beurteilt. 
III 
200 bis 1.000 
Nachweis der Wirkung eines Medikaments oder einer Medikamentenkombination bzw. eines Therapiekonzeptes im Vergleich zur Standardtherapie bzw. zu einer Scheintherapie (Placebo). Diese Studien erlauben eine exaktere Beschreibung von Nutzen und Nebenwirkungen der Therapie und führen oft zur Marktzulassung. 
IV 
Ab 1.000 
Nach Marktzulassung werden oft von den Registrierungsbehörden weitere Sicherheiten verlangt, die oft nur durch Untersuchung großer Patientenkollektive gezeigt werden können. 

Planung und Durchführung

Nach Festlegung der Studienziele wird ein exaktes Studienprotokoll verfasst, in dem die Zielsetzungen sowie die zu überprüfende Hypothese, das Studiendesign, die Behandlung und die statistischen Auswertungsmethoden genau festgelegt sind. Weiters werden die Ein- und Ausschlusskriterien für Patienten, und die zu erhebenden Messwerte definiert.


Sicherheitsmaßnahmen für Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen

Die Teilnahme an klinischen Studien ist prinzipiell freiwillig. Außerdem dürfen die Patientendaten nur in anonymisierter Form dokumentiert werden. Für jeden Patienten muss eine Versicherung abgeschlossen werden. Darüber hinaus werden die Studienteilnehmer meist von speziell ausgebildeten Ärzten besonders intensiv betreut. Außerdem ist jedem Patienten freigestellt, jederzeit ohne Angabe von Gründen aus der Studie auszuscheiden.

Vor der Durchführung von Studien muss das Studiendesign durch eine unabhängige multidisziplinär besetzte Ethikkommission geprüft und genehmigt werden. Außerdem müssen Studien sowohl beim Gesundheitsministerium als auch beim Spitalserhalter angemeldet und von diesen genehmigt werden, sodass auf verschiedenen Ebenen versucht wird, die Sicherheit von Studienteilnehmern zu garantieren.


Wie läuft eine klinische Studie für Patienten ab?

Patienten, die mit großer Wahrscheinlichkeit den vorgegebenen Einschlusskriterien entsprechen, werden nach umfangreicher Information und Aufklärung eingeladen an einer Studie teilzunehmen. Bei Einwilligung des Patienten wird im Detail geprüft, ob der betreffende Patient die erforderlichen Einschlusskriterien erfüllt, die sicherstellen sollen, dass eine relativ homogene Patientenpopulation eingeschlossen wird um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu kommen. Wird der Patient z.B. in eine Phase 3-Studie aufgenommen, so wird er nach einem Zufallsprinzip einer der im Studienprotokoll festgelegten Therapiegruppen zugeordnet und entsprechend behandelt. Nach Beendigung der Studie wird der Patient den allgemeinen Behandlungsprinzipien gemäß weiterbetreut.


Welche Vor- bzw. Nachteile sind durch Teilnahme an einer klinischen Studie zu erwarten?

Klinische Studien bieten die Möglichkeit mit neuen Therapien behandelt zu werden, oft lange bevor diese allgemein verfügbar sind. Entspricht die neue Therapie tatsächlich den in sie gesteckten Erwartungen, so sollten die damit erzielten Ergebnisse der Standardtherapie überlegen sein. Dies kann sich in einer höheren Ansprechrate, besseren Lebensqualität und/oder längeren Lebenszeit äußern. Außerdem werden Patienten im Rahmen von klinischen Studien umfassend betreut, sodass auch Patienten, die mit der Standardtherapie behandelt werden, sehr gute Ergebnisse erzielen. Natürlich können im Rahmen der Behandlung mit neuen Medikamenten oder Therapiekonzepten auch Komplikationen bzw. Nebenwirkungen unterschiedlichen Schweregrades auftreten. Außerdem ist nicht gewährleistet, dass die neue Therapie in jedem Fall zu einem besseren Ergebnis führt. Vergleiche der Behandlungsergebnisse von Patienten, die in bzw. außerhalb von Studien betreut wurden zeigen allerdings mehrheitlich einen Vorteil für in Studien betreuten Patienten.


Zusammenfassung

Zusammenfassend stellen klinische Studien die einzige Möglichkeit dar, die Wirksamkeit neuer Therapien zu bewerten. Sie bieten die Chance mit neuen wirksamen Substanzen behandelt zu werden, bieten diesbezüglich aber keine Garantie, da man auch der Standardgruppe zugeteilt werden kann. Patienten in klinischen Studien werden besonders sorgfältig betreut und schließlich leisten Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen auch einen wesentlichen Beitrag für die Gesellschaft, da nur auf diese Weise therapeutischer Fortschritt belegt werden kann, wodurch letztendlich die Behandlung für nachfolgende Patienten verbessert wird.


Derzeit werden im Wilhelminenspital folgende klinische Studien angeboten:

  • Nicht vorbehandelte Patienten, jünger als 65 Jahre
    Velcade-Thalidomid-Dexamethason vs. Velcade-Thalidomid-Dexamethason-Cyclo-phosphamid
    Ziel: Erhöhung der Rate an kompletten Remissionen durch Kombination mit Cyclophosphamid auf über 30% 4 Zyklen bis zur Transplantation. Sollten Patienten nicht transplantiert werden kann Behandlung mit V-T-D bis zu 8 Zyklen fortgesetzt waren.
  • Nicht vorbehandelte Patienten, älter als 65 Jahre
    Revlimid-Melphalan-Prednison (8 Zyklen) vs. Melphalan-Prednison (8 Zyklen); Erhaltungsphase mit entweder Revlimid oder Plazebo
    Ziel: Verbesserung der Remissionsrate, Zeit bis zur Progression und Überlebenszeit mit Revlimid, 8 Zyklen RMP im Vergleich zu MP.
  • Patienten mit zumindest 1 Vortherapie, alle Altersgruppen
    Tanespimycin-Velcade vs. Velcade
    Ziel: Erhöhung der Wirksamkeit der Velcade-Therapie durch Tanespimycin. Bis zu 8 Zyklen.
  • Patienten mit zumindest 2 Vortherapien, alle Altersgruppen
    Immuntherapie mit Avastin (Antikörper gegen VEGF)
    Infusion alle 2 Wochen, bis zu 12 Zyklen
    Ziel: Wirksame Behandlung des rezidivierten/refraktären Myeloms.
  • Patienten mit akutem Nierenversagen, alle Altersgruppen
    Velcade-Doxorubicin-Dexamethason
    Ziel: Wiederherstellung der eingeschränkten Nierenfunktion, Vermeidung der Abhängigkeit von chronischer Hämodialyse, Wirksame Behandlung des Myeloms. Bis zu 8 Zyklen.

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